Das Dorf
| Am 29. Oktober 1912 schloß die Bürgermeisterei Merheim, zu der auch |
| Dünnwald gehörte, einen Eingemeindungsvertrag mit der Stad Köln; er trat |
| am 1. April 1914 in Kraft (seitdem Köln-Dünnwald). Bis zu diesem Zeit- |
| Punkt war Dünnwald ein bergisches Dorf. Die Bürger fühlten sich eher dem |
| Bergischen als Köln verbunden, mit dem man Sprache, Sitte und Brauchtum |
| wenig Gemeinsamkeiten hatte. |
| Im Vertragtext sind auch die damals vorhandenen Straßen aufgeführt: |
| 1. Beliner Straße (vorher Wermelskircher Straße) |
| 2. Mauspfad |
| 3. Odenthaler Straße (vorher Dabringhauser Straße) |
| 4. Mühlenstraße (später An der Walkmühle) |
| 5. Leuchterstraße |
| 6. auf der Aue |
| 7. Dorfheidestraße |
| 8. von-Diergardt-Straße |
| 9. Amselstraße |
| 10. Kirchstraße (später Ptämonstratenserstraße) |
| Neben den genannten Straßen gab es noch eine Reihe von Gassen und viele |
| "Päddche", die sich zum Teil bis in die fünfziger Jahre hielten. |
| Von einer einigermaßen geschlossener Bebauung konnte man noch um die |
| Jahrhundertwende nur bei der Berliner Straße sprechen, die man als das ei- |
| gentliche Dorf bezeichnete. Auf alten Katasterplänen und auf alten und neu- |
| eren Landkarten erscheint daneben die Aue als separat aufgeführter Ortsteil. |
| Häusergruppen gab es noch im unteren Bereich der Odenthaler Straße, an |
| der Dorfheidestraße und An der Walkmühle; an den übrigen Sraßen standen |
| einzelne Häuser, z.T. in großem Abstand voneinander. Seit 1820 gab es die |
| Siedlung Kunstfeld, genannt "Hoenpott". |
| Außerdem gehörten zum Dünnwalder Raum Haus Haan und die großen Höfe |
| Neurath, Schönrath, Rodderhof, Scheurerhof und Krtekotten. Auch Höhen- |
| haus war noch Ortsteil von Dünnwald und zählte 1807 ganze 8 Einwohner; |
| 1910 waren es dagegen schon 479. |
| Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts gab es in Dünnwald nur einige Häu- |
| ser in massivem Ziegelmauerwek; alle übrigen waren Fachwerkbauten. Sie |
| waren sicher hübsch anzusehen, vor allen wenn sie vor der Kirmes in den |
| Kontrastfarben Schwarz und Weiß herausgeputz wurden. Ob man aber von |
| einem Idyll redenkann, ist zumindest fraglich. Da viele Dünnwalder damals |
| von der Landwirtschaft lebten mit dem entsprechenden Viehbestand, gab es |
| natürlich auch die fast immer direkt an der Straße liegenden Misthaufen. |
| Der Dung wurde nicht nur in im Hausgarten, sondern vor allem auf den z.T. |
| weit entfernten Äckern verstreut. Später gab es Vorschriften, daß diese Mist- |
| haufen durch feste Bretterzäune von der Straße abzuschirmen seien. Um 1870 |
| hatte Dünnwald noch ca. 200 Kühe; 1887 erfolgte der letzte Austrieb durch |
| den Dorfkuhhirten in den Gemeindewald und die Gemeindeheide. |
| Nach dem Krieg 1870/71 setzte auch in unserer Gegend eine verstärkte In- |
| dustrialisierung ein. Die Dünnwalder gingen vo allem zu den Mülheimer |
| Fabriken und zur Dynamitfabrik in Schlebusch; neben relativ gutem, vor |
| allem aber sicheren verdienst war es auch die geregelte Arbeitszeit, die für |
| die Arbeiter attraktiv war. Da konnte der karge Dünnwalder Boden bei aller |
| mühseliger Arbeit vom frühen Morgen bis in den späten Abend nicht her- |
| geben. |
| Die Wohnverhältnisse waren nach heutigem Standard primitiv. Abgesehen |
| davon, daß innenliegende Toiletten und erst recht Badezimmer unbekannt |
| waren (die gab es auch bei den meisten vor 1914 gebauten Ziegelhäusern |
| nicht), fehlte auch jeder sonstige Komfort, den wir heute für selbstverständ- |
| lich halten. das Wasser holte man sich in der "Bütt" per "Schürreskar" vom |
| Mutzbach oder mit Eimern vom "Pötz" (Brunnen, Pumpe). Licht gaben kleine |
| Öllampen (Krade) und später als wesentliche Verbesserung die Petroleum- |
| leuchten. In machen Häusern begnügte man sich aus Sparsamkeitsgründen |
| oft mit dem Schein des flackernden Herdfeuers. |
| Die Fachwerkhäuser waren meistens eingeschossig und sehr klein; größere |
| zweigeschossige waren selten. Sie waren durchweg Eigentum der Bewohner |
| und wurden in Gemeinschaftsarbeit errichtet. Gewöhnlich hatten sie eine |
| quergeteilte Haustür, deren obere Hälfte in der Regel offen stand, um Licht |
| und Luft hereinzulassen. Über die höhergelagerte Türschwelle (Dürpel) be- |
| trat man die Küche, die mit Steinen ausgelegt war. Entweder befand sich |
| hier noch der weite Rauchfang für die große offene Feuerstelle mit Brandha- |
| ken oder ein aus Bruchsteinen und Lehm gemauerter Herd mit einer Eisen- |
| platte als Abdeckung. Erst nach 1870 hielten die transportablen Herde aus |
| Gußeisen Einzug. Das Mobiliar bestand aus einem halnhohen Schrank mit |
| daraufstehendem Schlüsselbrett, auf dem die Tonschüsseln und Zinnteller |
| aufgestellt waren, einer Wasserbank mit der "Bütt" und Eimern, einer Sitz- |
| bank und einem derben Tisch. Von der Küche aus, die gewöhnlich ein einzi- |
| ges kleines Fenster hatte, stieg man durch eine Falltür in den Keller aus |
| Bruchsteinen. Im Gewölbe hing an zwei Ketten ein Brett zur Aufbewahrung |
| des Brotes, in einer Mauernische wurde -- sofern vorhanden-- die Butter |
| gelagert. Aus der Küche führte eine leiterartige steile Treppe nach oben auf |
| die "Löv". Hier im Dachgeschoss schliefen die älteren Kinder; fast immer |
| direkt unter den Dachziegeln, die durch Strohpuppen gegen Wind und Wetter |
| abgedichtet waren. Man kann sich vorstellen, wie die armen im Sommer |
| geschwitzt und im Winter gefroren haben, obwohl der Dachboden in der |
| kalten Jahreszeit durch ein Loch in der Stubendecke ein wenig warme Luft |
| mitbekam. |
| Von der Küche aus betrat man die "Stuff". Der Boden bestand im allgemei- |
| nen aus breiten Holzdielen, die Samstags geschrubbt und mit feinem weißen |
| Sand bestreut wurden. Balkendecke und Wände waren geweißt; ein paar |
| Heiligenbilder waren der einzige Schmuck. Das Mobilia bestand aus dem |
| Tisch und einer Bank ohne Lehne, einigen Stühlen (alles aus Eichenholz) so- |
| wie dem Schrank (Brut- und Melechschaaf). später wurde die Bank durch |
| das Kanapee ersetzt. Beheizt wurde die Stube gewöhnlich mit einem runden |
| Gußeisenofen. |
| Zu ebener Erde befand sich außerdem die Kammer, der Schlafraum der Eltern, |
| mit Bett, Kleiderschrank und Truhe (Kess). in der Truhe wurden neben der |
| Wäsche die wichtigen Schriftstücke und das Wenige an Geld und Schmuck |
| aufbewahrt. In der Kammer stand auch die Wiege füe das Nesthäkchen. |
| Zum Bau eines Fachwerkhauses lieh sich der "Bauherr" Pferd und Wagen in |
| der Nachbarschaft, soweit er diese nicht selbst besaß. Er holte sich Bruch- |
| steine für den Keller und das Eichenholz aus dem Gemeindewald, beides ko- |
| stenlos. An Ort und Stelle wurden die Bäume von Zimmerleuten mit breiten |
| Beilen vierkantig behauen. Sie schnitten die Balken an der Baustelle zurecht |
| und verzimmerten sie. DEn Dachstuhl deckte man mit Dachziegeln (vorher |
| Strohdächer), und dann erst wurden die Fachwerke mit Eichenspanten ausge- |
| reiht und mit Reisig durchflochten. Dieses Flechtwerk bewarf man mit Lehm, |
| der mit gehacktem Stroh vermischt war, und damit war das Haus im wesent- |
| lichen fertig. In Dünnwald nannte man dieses mit Lehm bewerfen "schlevern"; |
| die ganze Nachbarschaft wirkte mit, wobei die Frauen den Lehm mit nackten |
| Füßen geschmeidig stampften und mit dem Strohhäcksel vermengten; die |
| Männer besorgten den Rest. Dieser Vorgang ist oft beschrieben worden, und |
| bei keinem Chronisten fehlt der Hinweis auf die beträchtlichen Mengen an |
| Alkohol, die bei dieser Gelegenheit vertilgt wurden. Vielleicht waren die |
| Häuser schon aus diesem Grund nicht überall "lot- und waagerecht"! |
| Die letzten Fachwerkhäuser wurden in Dünnwald um die Mitte des vorigen |
| Jahrhunderts gebaut. Dann setzten sich zunächst ein- und später zweige- |
| schossigen Ziegelbauten durch. Der Zustand der Straßen und Wege war-- |
| nach heutigen Vorstellungen-- vor allem in der kalten Jahreszeit z.T. sehr |
| schlecht. Die Berliner Straße, die Odenthaler Straße und die Walkmühle |
| nach dem Ausbau waren Ausnahmen. Die Dorfstraßen und Nebenwege |
| wurden nur mit Kies ausgebessert und befahrbereit gehalten; fast jede Ge- |
| meinde -- auch Dünnwald-- unterhielt deshalb eine eigene Kiesgrube. |
| Nach der Jahrhundertwende besserten sich die Verhältnisse. 1903 wurde die |
| Wasserleitung gelegt. Zwischen 1903 und 1906 erhielt Dünnwald Gas und |
| elektrisches Licht. Das Jahr 1913 brachte die elektrische Bahnverbindung |
| nach ülheim (Mülheimer Kleinbahn). Das war vor allem für die vielen |
| Dünnwalder eine erheblische Verbesserung, die in den Mülheimer und Deut- |
| zer Fabriken arbeiteten und bis dahin täglich diesen Weg morgens und abends |
| zu Fuß gehen mußten. Fahrräder waren teuer und deshalb für die meisten |
| unerschwinglich. Die Gleise führten über die Berliner Straße und endeten |
| am Mutzbach. 1928 wurde die Straßenbahntrasse bis Schlebusch ausgebaut. |
| 1933 fuhr die letzte Mülheimer Kleinbahn; die Strecke wurde von den |
| Straßenbahnen der Stadt Köln übernommen (Linie "S"). |
| 1913 kam mit Dr. Christian Coenen der erste Arzt nach Dünnwald. Die erste |
| Apotheke wurde dagegen erst 1929 durch Hermann Weller eingerichtet. |
| Vom Bombenterror des zweiten Weltkriegs blieb Dünnwald weitergehend |
| verschont. Es fielen hier nur vereinzelt Bomben, die 1944 einige Häuser im |
| Kunstfeld, an der unteren Leuchterstraße und der oberen Berliner Straße |
| zerstörten oder beschädigten und durch die sieben Dünnwalder Bürger getö- |
| tet wurden. |
| In den umliegenden Wäldern kann man heute noch manchen Bombentrichter |
| sehen. Im März und April 1945 gab es Tote und Verwundete durch amerika- |
| nisches Artilleriefeuer. |
| Nach dem Krieg wuchs Dünnwald durch den Bau von Siedlungen an den |
| Ortsrändern und durch Neubauten im Ortskern sehr rasch. |
| Quelle: |
| Das alte Dünnwald in Bildern |
| Vom bergischen Dorf zum Vorort von Köln |
| Herausgegeben von |
| Karl E. Quirl und Hermann Grün |
| 1990 |