Condé und Condé
Familienforschung

Sagen und Geschichten

1. Die Entstehung des Klosters.
Im Dunkel des Waldes steht einsam eine Kapelle. Pilger ziehen dort ein und aus. Laut ruft das Glöcklein der Kapelle von Tagesanbruch bis in die Nacht hinein die Frommen zur Andacht herbei. Zwischen den morschen Mauern der Kapelle steht ein Bild des Erlösers, fast vermodert wie die Kapelle. Jahraus jahrein ziehen Scharen frommer Waller zur tief ausgetretenen Schwelle des kleinen Gotteshauses.
Eines Tages wurde das Gebet der frommen Pilger plötzlich durch gellenden Weheruf aus dem Waldesdickichte unterbrochen. Im nächsten Augenblick stürzte Ritter Heidenreich, verfolgt von grimmen Feinden, durch den Wald zur Kapelle, um dort Schutz zu suchen vor den Verfolgern, denen er wohl mannhaft entgegengetreten wäre, wenn er Waffen mitgeführt hätte. Aber auf einer Betfahrt begriffen, wurde der Nichtsahnende überfallen und zur Flucht nach dem Heiligtume genötigt. Voll Dank über die Rettung küßt er die Schwelle und klammert sich an den Altar. Aber, o Graus! Ein Mordbube achtet nicht des heiligen Ortes, sondern hebt das Schwert zum tödlichen Streiche. Doch welch ein Wunder! Als das Schwert blitzend niedersaust, bricht der harte Stahl glatt am Hefte ab. Der Schlag hat das Bild des Erlösers getroffen, dessen eine Hand zwar durchbohrt wurde, dessen Nagel aber dem knieenden Rettung vom sicher winkenden Tode gebracht hat. Das Schwert aber in den Händen des Erlösers bringt selbst die rasenden Mörder zu Besinnung . In jähen Entsetzen fliehen sie den heiligen Ort, und wieder erschallt der Gesang und das Gebet frommer Pilger an heiliger Stätte.
Voll Dank gegen Gott erbaute Heidenreich an Stelle der kleinen Waldkapelle ein prächtiges Gotteshaus und ein großes Kloster. In demselben danken fromme Nonnen unaufhörlich dem Herrn aller Herren für jene Rettung. Dünnwald wurde das Kloster genannt, wo einst in stiller Waldkapelle manch Herz sich erbaute und wo man den Stahl des Schwertes in der Hand des Erlösers schaute.
Längst verschwand der Wald dort. Reiche Fluren ziehen sich um das Gotteshaus hin. Segnend erstreckt der Erlöser aber auch noch heute seine Hände dort aus.
Die Eichelsaat.
Die Mönche von Dünnwald zeigten einst dem Junker Hall zu Schlebusch ein altes Dokument vor, nach welchem ein großer Landstrich dem Kloster zugehörte. Das schien dem Junker unglaublich, denn er hatte das Land als alten Besitz geerbt und manche Ernte darauf gezogen. Zwischen dem Junker und den Mönchen kam es zu ernsten Reibereien, und endlich sollte der Handel vor Gericht ausgetragen werden. Aber auch hier wußte man in dieser verwickelten Sache keinen Rat. Scheinbar des langwierigen Haders überdrüssig, gelobte der Junker, das Land den Mönchen zu überweisen: doch möchten sie ihm noch eine Ernte verstatten. Die Mönche gestanden das gerne zu. Der Vergleich wurde rechtskräftig beschworen und verbrieft. Alles schien zufrieden, doch nur für kurze Zeit. Zur Hagelfeier war es in jener Zeit üblich, die Felder in Prozession zu umgehen und das Gedeihen der Saaten zu erflehen. Neugierig drängten sich die Mönche zu dem Gegenstande des langen Haders, zu sehen, was der Junker auf dem Acker gesät habe. Aber was war da zu schauen: Eichelsaat deckte zartsprossend die weite Fläche. Nun klagten sie über Betrug und Gewalt. Aber der Junker von Hall legte den verbrieften Vergleich vor, und die Mönche mußten von ihren Einsprüchen abstehen. Die Saat gedieh trefflich und gestattete dem Junker von Hall noch, in ihrem Schatten nach Rehen zu jagen. Als aber die Eichen über das Klosterdach schauten, da sahen sie auf grüne Gräber, drinnen Abt und Mönche längst ruhten. Und als die graue Rinde der hohen Stämme barst und sich verkrustete, da schüttelten die gewaltigen Baumkronen ihre falben Blätter auf die Ruinen des Klosters herab. (Dagegen ist zu erinnern, daß die Eichen längst gefallen sind, Kirche und Klostergebäude aber noch heute stehen).
Im Klosterweiher.
Neben dem Kloster liegt der alte Klosterweiher, der früher den Nonnen die Fische lieferte. Gespeist wurde er von dem nahen Mutzbach. Da, wo heute der Stammheimer Weg über den Mutzbach führt, lag eine Stelle im Weiher, die allgemein gefürchtet war. Sie hieß der "deepe Pötz". Der soll sehr tief gewesen sein. Ein Schwimmer konnte leicht durch den ganzen Weiher schwimmen, kam er aber zum gefürchteten Pötz, so zogen die gurgelnden Wasser ihn in die Tiefe. Die Erinnerung an den Pötz lebt noch immer bei der dortigen Bevölkerung. Als Männer von einigen dreißig Jahren den Weiher ausschlammten, warnte man sie allen Ernstes vor der gefährlichen Stelle.
Der Läutestein.
Im Kreise finden sich hin und wieder gewltige Steinblöcke, die wegen ihrer Größe angestaunt werden. Solche Steine liegen zum Beispiel im Königsforst, auf der Wahner Heide. Es sind Quarzitblöcke aus der Terziärzeit, aber die Sage, die gern sich an Altes hängt, umspinnt sie auch. In Lohnskotten, einem Gemeindewalde von Dünnwald, liegt auch ein so mächtiger Felsbrocken, von dem die Sage erzählt, daß er dreimal in die Höhe springe, wenn in der nahe Klosterkirche die Mittagsklocke läute. Es ist also ein sogenannter "Läutestein" oder "Springstein".
Der Klutstein.
Zwischen Dünnwald und Paffrath liegt ein Kalkfelsen, der wegen seiner vielen Höhlen der Kluftstein oder Klutstein genannt wird. In diesen Höhlen wohnten vor Zeiten Zwerge, die sich drinnen vortrefflich eingerichtet hatten und besonders schöne kupferne Kochkessel besaßen. Feierten die Bauern der Umgegend ein Fest, so pflegten sie die Kessel von den Zwergen zu leihen. Vor dem Eingange der Höhle trugen sie ihre Bitte vor und fanden am nächsten Morgen den Kessel vor der Höhle. Nach der Benutzung ließen sie eine Probe der gekochten Speise für die freundlichen Zwerge darin zurück. Dann stellten sie ihn wieder vor den Eingang.
Lange Zeit erbte sich dieser freundliche Verkehr fort, bis einst böse Buben die Speisen vor der Höhle naschten und dann die leeren Kessel beschmutzten. Von dieser Stunde an war das freundschaftliche Verhältnis der Bauern mit den Zwergen gestört. Die erzürnten kleinen Leute riefen den Knaben einen Fluch nach, so daß sie zeitlebens hinken mußten.
Der Grinkenschmied.
In einen Wäldchen bei Schönratherhof wohnte an einem Hügel, der Emmerich (Emberg) genannt wurde, in einer Erdhöhle ein kleiner, aber wunderbar starker und kunstfertiger Schmied. Diejenigen, die ihn sahen, behaupteten, daß er von Angesicht sehr häßlich gewesen, so daß man vor ihm erschrocken sei. Und noch ist es sprichwörtlich, einen griesgrämigen Menschen mit diesem Schmiede zu vergleichen. Sahen ihn auch nur wenige, so haben doch viele seinen Hammer durch den grünen Wald schallen hören und den Rauch seiner Esse bemerkt. Der Schmied nämlich hatte viel Arbeit, da keiner im ganzen Lande ihn an Kunstfertigkeit gleich kam. Die Leute hatten ihm nur Eisen und Stahl vor seiner Höhle zu legen und ihm laut zuzurufen welche Arbeit sie wünschten. Sie fanden dann am nächsten Morgen die Arbeit an derselben Stelle liegen und hörten, ohne den Schmied zu sehen, die mäßige Bestimmung des Preises dafür.
Wo der Schmied hingekommen, weiß keiner zu sagen.
Das weiße Roß.
In einem Walde bei Dünnwald, Maikammer genannt, treibt sich zu nächtlicher Zeit ein weißes Pferd umher, das öfters kopflos, mit fliegender Mähne und hochgesträubtem Scheife nächtliche Wanderer geängstigt hat.
Der Heidenkönig
Am Rheinoldsberg im Leuchterbruch befindet sich das Grab eines Heidenkönigs.
In jener Vorzeit, als an der Stelle des heitigen Köln nur einige armselige Fischerhütten standen, war Mülheim schon eine bedeutende Niederlassung der Ubier. Da kamen von Süden gewaltige Krieger (die Römer). Diese drängten die Germanen zurück. Da wählten die Häuptlinge der Germanen einen Heerführer von großer Stärke und Tapferkeit. Der älteste Priester gab ihm ein gewältiges Schwert und führte ihn dreimal um den Altar der Götter. Dr "Heidenkönig" drängte die Feinde zurück, die Ubier begaben sich auf das linke Rheinufer und gründeten Köln. Die Sieger aber zogen unter Anführung ihres tapferen Führers durch das ganze Land und zerstörten alle fremden Ansiedlungen, so auch den Zwinger auf dem Bensberge. Die gefangenen Feinde wurden im Odinstale (Odenthal) dem Kriegsgotte Wodan oder Odin geopfert. Die Leichname der gefallenden Helden aber wurden an heiliger Stätte begraben. Jedoch der Heidenkönig wurde aus Neid von seinen Häuptlingen erschlagen. Unter großer Trauer und vielem Wehklagen wurde er mit seinen Schätzen, Streitrossen und Waffen im heiligen Haine bestattet, doch wurde der Ort geheim gehalten. Die Sage erzählt weiter, daß in seinem Grabe neben den Goldschätzen sich drei schöne Rosse nebst Wagen befinden, die durch Zaubermittel lebend erhalten bleiben. Dem glücklichen Finder fallen die Svhätze zu, die die Rosse in dem schönen Wagen fortziehen werden.
Der ewige Jäger im Buchholze.
Im Buchholze, einem Teile des alten Buchenforstes zwischen Dünnwald und Merheim, zieht der ewige Jäger umher. Oft erscheint er zu Fuß, oft auf einem weißen Rosse jagend; oft ist er mit einem Hute, oft mit einer spitzen Mütze bedeckt. Besonders im Frühlinge und in den letzten Tagen des Herbstes läßt er sich sehen, und wenn nicht sehen, wenigstens hören. Er soll immer sichtbar werden, wenn drei Greten (drei Frauen, die Margareta heißen) sich zusammenfinden. Hört man ihn unsichtbar vorüberziehen, so kann man sein Geschrei und auch das Bellen seiner Hunde deutlich vernehmen.
Der Hermesteufel.
In der Maikammer bei Dünnwald hielt sich der Hermesteufel auf. Alte Leute wissen noch viel von ihm zu erzählen, er war aber kein böser, sondern ein friedlicher und freundlicher Geselle. Er trat in verschiedener Gestalt auf, oft als Zottelbär, als großer Kettenhund, als eine freurige Schlange; dann aber auch in menschenähnlicher Gestalt mit großen feuersprühenden Stierhörner und einem einzigen Auge mitten vor der Stirn, das lichtvoll die weite Gegend bei finsterer Nacht erhellte. Früher sollen verwegende Männer sich dieses Spukes als Leuchte bedient haben. Hatte jemand bei dunkler Nacht in Wald und Moor den Weg verloren, so brauchte er nur den Hermes anzurufen, so war dieser sogleich bei der Hand und ging leuchtend vor ihm her oder neben ihm, bis er sich zurechtgefunden hatte. Auch sah man Hermes oft um Mitternacht in hohen Eichen und Birnbäumen weit umherleuchtend sitzen, so daß die im Dunkeln V erirrten sich zurechtfinden konnten.
Die Kirmes.
Die Kirmes wurde in Dünnwald bis zum Jahre 1314 am Tage des hl. Kunibert (12. Nov.) gefeiert. Das Kloster erwirkte die Verlegung auf den zweiten Sonntag nach Peter und Paul (29. Juni), kehrte später aber zum ursprüglichen Tage zurück. Gegenwärtig fällt die Kirmes auf den Sonntag nach dem Feste des hl. Matthäus.
Die Kirmes wurde früher in altertümlicher Weise begangen. Den Gelagszug der jungen Burschen eröffnete ein Roßschädel, der wie ein Banner dem Schwarme auf einer Stange vorangetragen wurde. So zogen sie in die Kirche, tanzten auf dem Kirchhofe und ließen mittlerweile den Schädel am Tore halten. In diesem Zuge zeichnete sich ein Bursche, der Schimmelreiter, aus, der sich ein großes Steckenpferd angeschnallt hatte und die Bewegung des Reiters geschickt nachahmte. Nach dem Reiter folgte der Altvater, ein Bursche der sich einen gewaltigen Bart von Flachs gemacht hatte und mit Haupthaar von demselben Stoffe prangte. Neben ihm schritt die Altmutter, eine zum Altvater passende Frauengestalt. Von der Kirche ging der Zug durch das Dorf zum Festgelage.
Dünnwald in den Kriegsläuften.
Im Truchsessischen Kriege wurde das Dorf am 13. August 1583 auf Befehl des Grafen Adolf von Neuenahr geplündert und niedergebrannt.

Schrecklich wütete der 30jährige Krieg in dieser Gegend. Am 31. Mai 1628 erschlugen die kaiserliche Truppen unter General Merode in Dünnwald fünf Landleute und brannten den Rittersitz Haan nieder.

Am 25. Oktober 1635 streiften die Hessen von Solingen aus plündernd durch Schlebusch und Dünnwald nach Mülheim.

Am 30. November 1676 wurde bei Dünnwald ein französicher Kurier von einem Bauern erschossen und beraubt, was die Gegend durch die spätere französiche Einquartierung furchtbar büßen mußte.

Im siebenjährigen Kriege hatte Dünnwald, wie auch alle seine Nachbarorte viel durch häufige Durchzüge und Einquartierungen französischer Truppen zu leiden, dazu hauste in der Gegend das berüchtigte Fischersche Freikorps.

Der Dünnwalder Held Johann Heinrich.
Als Dünnwalds Held begegnet uns im 17. Jahrhundert Johann Heinrich von Dünnwald, Herr auf Bizendorf, Sabor, Droschkau u. s. f., österreichischer General der Kavallerie, ein tapferer Reiterdegen, wahrscheinlich 1620 im Kurkölnischen geboren. Über sein Herkommen und seine Jugend ist weiter nichts bekannt. 1643 finden wir ihn beim Reichsheere gegen die Türken; in der Schlacht bei St. Gotthardt zeigte er große Tapferkeit. Als Montecucoli 1672 den Franzosen gegenüberstand, war er einer der obersten Befehlshaber. 1675 wurde er zum General der Reiterei ernannt und in den Grafenstand erhoben. Er zeigte sich tapfer in den verschiedenen Schlachten, so z. B. bei der Belagerung Wiens, im Treffen bei Parkang trieb er tausende in die Moräste; 1686 schlug er mit General Heisler 100 000 Türken. 1688 befehligte Herr von Dünnwald als Feldmarschall die gesamte Reiterei bei der Armee des Herzogs Karl von Lothringen und deckte die Belagerung von Belgrad. 1689 wurde er auf den Kriegschauplatz an den Rhein entsendet, er entsetze das von den Franzosen belagerte Heidelberg und vereitelte den vom Feinde zur Rettung von Mainz beabsichtigten Angriff. 1690 finden wir von Dünnwald wieder in Ungarn, wo er an dem Siege von Szankament bedeutenden Anteil hatte. Wie mit Bournouville und Caprava, so konnte er sich auch mit dem Markgrafen Ludwig von Baden, der ihm im Oberbefehle vorgezogen wurde, nicht verständigen. In einem heftigen Wortwechsel mit letzterem vergaß er sich soweit, daß er zur Rechtfertigung nach Wien abgerufen wurde. Er starb am 31. August 1691 plötzlich und zwar, als er eben zur Abreise das Schiff bestiegen hatte, am Schlage. Man behauptete auch, daß er, um sich dem wartenden Kriegsgerichte zu entziehen, Gift genommen habe.
Aus der Franzosenzeit.
Schreckliche Tage haben unsere Vorfahren erlebt, als vor 100 Jahren (1795-1801) die Franzosen hier eindrangen. Auch Dünnwald hatte vieles zu erdulden, so daß die Bauer daselbst den kühnen Entschluß der Abwehr faßten.
a) Die Bubbelliese.
Der lange Schmied Gürgen, der mit Vorspann nach der Lahn hin gewesen war, wußte von dortiger Bauernwehr Wunderdinge zu erzählen und begeisterte die guten Dünnwalder damit zur heldenhaften Erhebung. Bei dem Bachscheffen kamen sie abends zusammen und beschlossen die Abwehr. Sie verbanden sich durch heiligen Eid, als Brüder zu streiten und keinen Plünderzug ins Dorf mehr einzulassen. Alle Waffen wurden hervorgesucht. Der eine trug eine alte Muskete, mit gehacktem Blei geladen, der andere eine Jagdflinte, ein dritter hatte einen rostigen Reitersäbel blank geschliffen. Der Hacks=Mattheis schulterte als Gewehr seine Holzaxt, der Anton Blömer trug eine eiserne Rührstange, wie sie bei Kalköfen gebraucht wird. Der alte Göddert kam mit dem Dreschflegel, mehrere hatten geschliffenen Gras- und Hafersensen geradhin aufschmieden lassen, und der Schmied Gürgen selber, der zwei kaiserliche Pistolen scharf geladen als Waffen trug, hatte sich sogar einen Harnich aus eisernen Topfdeckeln geschmiedet, den er schußfest unter dem blauen Kittel trug. Mit großer Kunst und Klugheit hatte er mit diesen Eisenplatten nicht blos Bauch und Brust bedeckt, sondern auch den Rücken, wohl überlegend, daß das wechselnde Kriegsglück oft dem tapfernden Helden den Rücken dreht.

Nun hieß es eines schönen Morgens: "Die Franzosen kommen!" Der Kuhhirt blies das verabredete Lärmzeichen, und die Männer von Dünnwald eilten auf den Sammelplatz ans Förstchen, jeder in seiner Rüstung. Als sie nun alle versammelt waren und klopfenden Herzens warteten auf das, was da kommen sollte, da trat herzu Gürgens Frau, die Bubbels=Liese genannt. Sie lobte die Männer und rief: "So ist es recht, Ihr Leute, daß Ihr Euch so brav zusammentut und das fremde, gottlose Raubvolk aus dem Lande jagt, wo es nicht im Taufbuch steht. Schlag sie nur alle tot, die heidnischen Schelme, oder jagt sie, das sie des Wiederkehrens vergessen! Aber, "so sprach sie zu ihrem Manne, der auch inzwischen hinzugetreten war, "aber was willst Du langer Gürgen dabei? Du kannst das doch nicht aushalten, Dich schießen die Franzosen am ersten tot, weil Du über alle hinwegsiehst. Was sol ich arme Wittib dann mit meinen fünf kleinen Würmchen anfangen? Geh Du mit nach Hause, Gürgen, und laß die Nachbarn in Gottes Namen die Franzosen fortjagen. Auf einen mehr oder weniger kommts nimmer an; ob Du dabei bist oder nicht, das macht nichts dazu, darum komm du mit nach Hause." So sprach des Gürgen Liese und weinte dazu und jammerte darüber, daß sie in Gefahr stünde, Witwe zu werden. Die anderen aber sprachen: "Sind wir denn weniger wert als der Gürgen, daß wir uns tot schießen lassen sollen, und der lange Schmied Gürgen soll nach Hause gehen mit seiner Bubbels=Liese?" Und einer nach dem andern schlich sich davon, und da einmal der Anfang gemacht worden war, so liefen auch andere hinweg, um ihre Waffen sobald als möglich zu verbergen. Da stand zuletzt Gürgen allein mit seiner Frau und zankte mit ihr, weil sie durch ihre unziemliche, eigensüchtige Rede die ganze Wehr vereiltet hatte. Er nestelte unter seinem Kittel, riß sich zornig die Harnischplatten hervor und warf sie vor sich auf den Weg, daß sie klirrten, und die beiden Pistolen riß er aus dem Schurzfell, warf sie auf die Platten und lief den anderen nach, da eben ein Plünderzug von acht Franzosen über das Klosterbrückchen kam und bei den Vereinzelten leichtes Spiel fand.

b) Frau Landwehr.
Einen höchst komischen Auftritt veranlaßte durch ihre Tapferkeit die Frau Landwehr im Förstchen. Sie war beschäftigt, auf dem Ofen der Wohnstube Fett auszusieden, als zwei durchnäßte Franzosen, die im Spätherbste dort mit anderen einquartiert waren, ihre sämtlichen Kleider zum Trocknen an den Ofen hängend und in rohester Weise den Anstand verletzten. Da ergriff die entrüstete Frau den Mehlbesen, tauchte ihn in das siedende Fett und bediente sich dieses Weihwedels, die nackten Kerle zu bespritzen, daß sie heulend vor Schmerz umhertanzten. Mit der linken Hand hob die tapfere Frau den Ofenkessel ab und sicherte sich so, immerfort schlenkernd, ihren Rückzug, gelangte glücklich in das nahe Klostergebäude. Dort hielt sie sich versteckt, bis die Franzosen am anderen Morgen abgezogen waren, die von der Frau Landwehr eingesprengten aber auf der ganzen Haut so bunt getipfelt wie Forellen.
c) Heinrich Märten
Als der Hof Kurtekotten von den Franzosen niedergebrannt wurde, lebte auf dem Hofe ein Meisterknecht Heinrich Märten, ein tapferer Held im Kampfe gegen die räuberischen Franzosen. Schon beim ersten Einrücken der Franzosen, am 10. September 1795, war er mit ihnen in Händel gekommen. Märten war gerade auf dem Felde beschäftigt, einen Wassergraben auszuwerfen. Da hörte er den Hilfruf einer Frau. Als er ausblickte, sah er, wie seine Frau, die ihm Essen bringen wollte, von einem Franzosen schändlich angegriffen wurde. Er springt hinzu, erschlägt den Schamlosen mit seinem Spaten und vergräbt die Leiche, damit sie ihm nicht zum Verräter werde, tief im Feldgraben. Des Franzosen Gewehr aber nahm er mit sich.
Sechs Wochen später, am 21. Oktober, befand sich Märten wieder auf dem Felde, als ein französisches Bataillon an ihm vorbeizog. Da holte er seine Flinte aus dem Verstecke und feuerte so rasch und mit solchem Erfolge auf die Franzosen, daß mehrere tot niederstürzten. Dann sprang er in den Wald und verkroch sich dort in einen großen Fuchsbau, so daß seine Verfolger ihn nicht finden konnten.
Als die Feinde abgezogen waren, kehrte Märten nach dem Hofe zurück, kaum war er dort, als sich 14 Franzosen näherten. Da das schwere Hoftor geschlossen war, zerstörten sie ein Fenster, um durch dasselbe einzusteigen. Märten aber nahm die zwei Einsteigenden in Empfang und erschlug sie, worauf das übrige Dutzend entfloh. Die Leichen begrub er am Teiche unter dem Fenster.
Am folgenden Tage, dem 22. Oktober, bekam der Hof wieder Besuch, es war ein Offizier mit acht Mann. Sie vermieden aber das gefährliche Fenster und suchten das Hoftor zu erbrechen. Es gelang ihnen aber nur, das wagerechte Bodenbrett des Tores abzureißen. So entstand eine so große Öffnung, daß ein Mann unter dem Tore in den Hof kriechen konnte. Märten aber stand hier kampfbereit mit einem Beile. Den ersten Kriecher erschlug er, als er noch die Fersen unter dem Torbalken hatte, den zweiten, es war der Offizier selbst, als er sich eben aufrichten wollte. Noch vier weitere kamen hereingekrochen und fanden dasselbe Schicksal, die noch übrigen drei blieben aber vor dem Tore stehen. Märten lief auf den Söller und erschoß einen, während die zwei anderen entflohen. Sie brachten die Unglückskunde zu den Ihrigen, und eine Stunde später war der ganze Hof Kurtekotten von Franzosen umzingelt und in Brand gesteckt. Da sprang Märten aus dem brennenden Hause, watete durch den Teich am Hofe, wo die Franzosen einen Posten aufgestellt hatten, stieß diesen mit seiner Mistgabel vom Pferde und entkam glücklich in das nahe Gebüsch. Aber noch mancher Franzose mußte es später büßen, daß sie unsern Helden hatten verbrennen wollen.
Quelle:
Heimatbuch des Landkreises Mülheim am Rhein
von Johann Bendel
Köln- Mülheim 1925
Neuauflage 1973


zurück