Sagen und Geschichten
|
| 1. Die Entstehung des
Klosters. |
Im Dunkel des Waldes steht einsam eine
Kapelle. Pilger ziehen dort ein und aus. Laut
ruft das Glöcklein der Kapelle von Tagesanbruch
bis in die Nacht hinein die Frommen zur Andacht
herbei. Zwischen den morschen Mauern der Kapelle
steht ein Bild des Erlösers, fast vermodert wie
die Kapelle. Jahraus jahrein ziehen Scharen
frommer Waller zur tief ausgetretenen Schwelle
des kleinen Gotteshauses.
Eines Tages wurde das Gebet der frommen Pilger
plötzlich durch gellenden Weheruf aus dem
Waldesdickichte unterbrochen. Im nächsten
Augenblick stürzte Ritter Heidenreich, verfolgt
von grimmen Feinden, durch den Wald zur Kapelle,
um dort Schutz zu suchen vor den Verfolgern,
denen er wohl mannhaft entgegengetreten wäre,
wenn er Waffen mitgeführt hätte. Aber auf einer
Betfahrt begriffen, wurde der Nichtsahnende
überfallen und zur Flucht nach dem Heiligtume
genötigt. Voll Dank über die Rettung küßt er
die Schwelle und klammert sich an den Altar.
Aber, o Graus! Ein Mordbube achtet nicht des
heiligen Ortes, sondern hebt das Schwert zum
tödlichen Streiche. Doch welch ein Wunder! Als
das Schwert blitzend niedersaust, bricht der
harte Stahl glatt am Hefte ab. Der Schlag hat das
Bild des Erlösers getroffen, dessen eine Hand
zwar durchbohrt wurde, dessen Nagel aber dem
knieenden Rettung vom sicher winkenden Tode
gebracht hat. Das Schwert aber in den Händen des
Erlösers bringt selbst die rasenden Mörder zu
Besinnung . In jähen Entsetzen fliehen sie den
heiligen Ort, und wieder erschallt der Gesang und
das Gebet frommer Pilger an heiliger Stätte.
Voll Dank gegen Gott erbaute Heidenreich an
Stelle der kleinen Waldkapelle ein prächtiges
Gotteshaus und ein großes Kloster. In demselben
danken fromme Nonnen unaufhörlich dem Herrn
aller Herren für jene Rettung. Dünnwald wurde
das Kloster genannt, wo einst in stiller
Waldkapelle manch Herz sich erbaute und wo man
den Stahl des Schwertes in der Hand des Erlösers
schaute.
Längst verschwand der Wald dort. Reiche Fluren
ziehen sich um das Gotteshaus hin. Segnend
erstreckt der Erlöser aber auch noch heute seine
Hände dort aus. |
| Die Eichelsaat. |
| Die Mönche von Dünnwald zeigten einst dem
Junker Hall zu Schlebusch ein altes Dokument vor,
nach welchem ein großer Landstrich dem Kloster
zugehörte. Das schien dem Junker unglaublich,
denn er hatte das Land als alten Besitz geerbt
und manche Ernte darauf gezogen. Zwischen dem
Junker und den Mönchen kam es zu ernsten
Reibereien, und endlich sollte der Handel vor
Gericht ausgetragen werden. Aber auch hier wußte
man in dieser verwickelten Sache keinen Rat.
Scheinbar des langwierigen Haders überdrüssig,
gelobte der Junker, das Land den Mönchen zu
überweisen: doch möchten sie ihm noch eine
Ernte verstatten. Die Mönche gestanden das gerne
zu. Der Vergleich wurde rechtskräftig beschworen
und verbrieft. Alles schien zufrieden, doch nur
für kurze Zeit. Zur Hagelfeier war es in jener
Zeit üblich, die Felder in Prozession zu umgehen
und das Gedeihen der Saaten zu erflehen.
Neugierig drängten sich die Mönche zu dem
Gegenstande des langen Haders, zu sehen, was der
Junker auf dem Acker gesät habe. Aber was war da
zu schauen: Eichelsaat deckte zartsprossend die
weite Fläche. Nun klagten sie über Betrug und
Gewalt. Aber der Junker von Hall legte den
verbrieften Vergleich vor, und die Mönche
mußten von ihren Einsprüchen abstehen. Die Saat
gedieh trefflich und gestattete dem Junker von
Hall noch, in ihrem Schatten nach Rehen zu jagen.
Als aber die Eichen über das Klosterdach
schauten, da sahen sie auf grüne Gräber,
drinnen Abt und Mönche längst ruhten. Und als
die graue Rinde der hohen Stämme barst und sich
verkrustete, da schüttelten die gewaltigen
Baumkronen ihre falben Blätter auf die Ruinen
des Klosters herab. (Dagegen ist zu erinnern,
daß die Eichen längst gefallen sind, Kirche und
Klostergebäude aber noch heute stehen). |
| Im Klosterweiher. |
| Neben dem Kloster liegt der alte
Klosterweiher, der früher den Nonnen die Fische
lieferte. Gespeist wurde er von dem nahen
Mutzbach. Da, wo heute der Stammheimer Weg über
den Mutzbach führt, lag eine Stelle im Weiher,
die allgemein gefürchtet war. Sie hieß der
"deepe Pötz". Der soll sehr tief
gewesen sein. Ein Schwimmer konnte leicht durch
den ganzen Weiher schwimmen, kam er aber zum
gefürchteten Pötz, so zogen die gurgelnden
Wasser ihn in die Tiefe. Die Erinnerung an den
Pötz lebt noch immer bei der dortigen
Bevölkerung. Als Männer von einigen dreißig
Jahren den Weiher ausschlammten, warnte man sie
allen Ernstes vor der gefährlichen Stelle. |
| Der Läutestein. |
| Im Kreise finden sich hin und wieder gewltige
Steinblöcke, die wegen ihrer Größe angestaunt
werden. Solche Steine liegen zum Beispiel im
Königsforst, auf der Wahner Heide. Es sind
Quarzitblöcke aus der Terziärzeit, aber die
Sage, die gern sich an Altes hängt, umspinnt sie
auch. In Lohnskotten, einem Gemeindewalde von
Dünnwald, liegt auch ein so mächtiger
Felsbrocken, von dem die Sage erzählt, daß er
dreimal in die Höhe springe, wenn in der nahe
Klosterkirche die Mittagsklocke läute. Es ist
also ein sogenannter "Läutestein" oder
"Springstein". |
| Der Klutstein. |
Zwischen Dünnwald und Paffrath liegt ein
Kalkfelsen, der wegen seiner vielen Höhlen der
Kluftstein oder Klutstein genannt wird. In diesen
Höhlen wohnten vor Zeiten Zwerge, die sich
drinnen vortrefflich eingerichtet hatten und
besonders schöne kupferne Kochkessel besaßen.
Feierten die Bauern der Umgegend ein Fest, so
pflegten sie die Kessel von den Zwergen zu
leihen. Vor dem Eingange der Höhle trugen sie
ihre Bitte vor und fanden am nächsten Morgen den
Kessel vor der Höhle. Nach der Benutzung ließen
sie eine Probe der gekochten Speise für die
freundlichen Zwerge darin zurück. Dann stellten
sie ihn wieder vor den Eingang.
Lange Zeit erbte sich dieser freundliche Verkehr
fort, bis einst böse Buben die Speisen vor der
Höhle naschten und dann die leeren Kessel
beschmutzten. Von dieser Stunde an war das
freundschaftliche Verhältnis der Bauern mit den
Zwergen gestört. Die erzürnten kleinen Leute
riefen den Knaben einen Fluch nach, so daß sie
zeitlebens hinken mußten. |
| Der Grinkenschmied. |
In einen Wäldchen bei Schönratherhof wohnte
an einem Hügel, der Emmerich (Emberg) genannt
wurde, in einer Erdhöhle ein kleiner, aber
wunderbar starker und kunstfertiger Schmied.
Diejenigen, die ihn sahen, behaupteten, daß er
von Angesicht sehr häßlich gewesen, so daß man
vor ihm erschrocken sei. Und noch ist es
sprichwörtlich, einen griesgrämigen Menschen
mit diesem Schmiede zu vergleichen. Sahen ihn
auch nur wenige, so haben doch viele seinen
Hammer durch den grünen Wald schallen hören und
den Rauch seiner Esse bemerkt. Der Schmied
nämlich hatte viel Arbeit, da keiner im ganzen
Lande ihn an Kunstfertigkeit gleich kam. Die
Leute hatten ihm nur Eisen und Stahl vor seiner
Höhle zu legen und ihm laut zuzurufen welche
Arbeit sie wünschten. Sie fanden dann am
nächsten Morgen die Arbeit an derselben Stelle
liegen und hörten, ohne den Schmied zu sehen,
die mäßige Bestimmung des Preises dafür.
Wo der Schmied hingekommen, weiß keiner zu
sagen. |
| Das weiße Roß. |
| In einem Walde bei Dünnwald, Maikammer
genannt, treibt sich zu nächtlicher Zeit ein
weißes Pferd umher, das öfters kopflos, mit
fliegender Mähne und hochgesträubtem Scheife
nächtliche Wanderer geängstigt hat. |
| Der Heidenkönig |
Am Rheinoldsberg im Leuchterbruch befindet
sich das Grab eines Heidenkönigs.
In jener Vorzeit, als an der Stelle des heitigen
Köln nur einige armselige Fischerhütten
standen, war Mülheim schon eine bedeutende
Niederlassung der Ubier. Da kamen von Süden
gewaltige Krieger (die Römer). Diese drängten
die Germanen zurück. Da wählten die Häuptlinge
der Germanen einen Heerführer von großer
Stärke und Tapferkeit. Der älteste Priester gab
ihm ein gewältiges Schwert und führte ihn
dreimal um den Altar der Götter. Dr
"Heidenkönig" drängte die Feinde
zurück, die Ubier begaben sich auf das linke
Rheinufer und gründeten Köln. Die Sieger aber
zogen unter Anführung ihres tapferen Führers
durch das ganze Land und zerstörten alle fremden
Ansiedlungen, so auch den Zwinger auf dem
Bensberge. Die gefangenen Feinde wurden im
Odinstale (Odenthal) dem Kriegsgotte Wodan oder
Odin geopfert. Die Leichname der gefallenden
Helden aber wurden an heiliger Stätte begraben.
Jedoch der Heidenkönig wurde aus Neid von seinen
Häuptlingen erschlagen. Unter großer Trauer und
vielem Wehklagen wurde er mit seinen Schätzen,
Streitrossen und Waffen im heiligen Haine
bestattet, doch wurde der Ort geheim gehalten.
Die Sage erzählt weiter, daß in seinem Grabe
neben den Goldschätzen sich drei schöne Rosse
nebst Wagen befinden, die durch Zaubermittel
lebend erhalten bleiben. Dem glücklichen Finder
fallen die Svhätze zu, die die Rosse in dem
schönen Wagen fortziehen werden. |
| Der ewige Jäger im
Buchholze. |
| Im Buchholze, einem Teile des alten
Buchenforstes zwischen Dünnwald und Merheim,
zieht der ewige Jäger umher. Oft erscheint er zu
Fuß, oft auf einem weißen Rosse jagend; oft ist
er mit einem Hute, oft mit einer spitzen Mütze
bedeckt. Besonders im Frühlinge und in den
letzten Tagen des Herbstes läßt er sich sehen,
und wenn nicht sehen, wenigstens hören. Er soll
immer sichtbar werden, wenn drei Greten (drei
Frauen, die Margareta heißen) sich
zusammenfinden. Hört man ihn unsichtbar
vorüberziehen, so kann man sein Geschrei und
auch das Bellen seiner Hunde deutlich vernehmen. |
| Der Hermesteufel. |
| In der Maikammer bei Dünnwald hielt sich der
Hermesteufel auf. Alte Leute wissen noch viel von
ihm zu erzählen, er war aber kein böser,
sondern ein friedlicher und freundlicher Geselle.
Er trat in verschiedener Gestalt auf, oft als
Zottelbär, als großer Kettenhund, als eine
freurige Schlange; dann aber auch in
menschenähnlicher Gestalt mit großen
feuersprühenden Stierhörner und einem einzigen
Auge mitten vor der Stirn, das lichtvoll die
weite Gegend bei finsterer Nacht erhellte.
Früher sollen verwegende Männer sich dieses
Spukes als Leuchte bedient haben. Hatte jemand
bei dunkler Nacht in Wald und Moor den Weg
verloren, so brauchte er nur den Hermes
anzurufen, so war dieser sogleich bei der Hand
und ging leuchtend vor ihm her oder neben ihm,
bis er sich zurechtgefunden hatte. Auch sah man
Hermes oft um Mitternacht in hohen Eichen und
Birnbäumen weit umherleuchtend sitzen, so daß
die im Dunkeln V erirrten sich zurechtfinden
konnten. |
| Die Kirmes. |
Die Kirmes wurde in Dünnwald bis zum Jahre
1314 am Tage des hl. Kunibert (12. Nov.)
gefeiert. Das Kloster erwirkte die Verlegung auf
den zweiten Sonntag nach Peter und Paul (29.
Juni), kehrte später aber zum ursprüglichen
Tage zurück. Gegenwärtig fällt die Kirmes auf
den Sonntag nach dem Feste des hl. Matthäus.
Die Kirmes wurde früher in altertümlicher Weise
begangen. Den Gelagszug der jungen Burschen
eröffnete ein Roßschädel, der wie ein Banner
dem Schwarme auf einer Stange vorangetragen
wurde. So zogen sie in die Kirche, tanzten auf
dem Kirchhofe und ließen mittlerweile den
Schädel am Tore halten. In diesem Zuge zeichnete
sich ein Bursche, der Schimmelreiter, aus, der
sich ein großes Steckenpferd angeschnallt hatte
und die Bewegung des Reiters geschickt nachahmte.
Nach dem Reiter folgte der Altvater, ein Bursche
der sich einen gewaltigen Bart von Flachs gemacht
hatte und mit Haupthaar von demselben Stoffe
prangte. Neben ihm schritt die Altmutter, eine
zum Altvater passende Frauengestalt. Von der
Kirche ging der Zug durch das Dorf zum
Festgelage. |
| Dünnwald in den
Kriegsläuften. |
| Im Truchsessischen Kriege wurde das Dorf am
13. August 1583 auf Befehl des Grafen Adolf von
Neuenahr geplündert und niedergebrannt. Schrecklich
wütete der 30jährige Krieg in dieser Gegend. Am
31. Mai 1628 erschlugen die kaiserliche Truppen
unter General Merode in Dünnwald fünf Landleute
und brannten den Rittersitz Haan nieder.
Am 25. Oktober 1635 streiften die Hessen von
Solingen aus plündernd durch Schlebusch und
Dünnwald nach Mülheim.
Am 30. November 1676 wurde bei Dünnwald ein
französicher Kurier von einem Bauern erschossen
und beraubt, was die Gegend durch die spätere
französiche Einquartierung furchtbar büßen
mußte.
Im siebenjährigen Kriege hatte Dünnwald, wie
auch alle seine Nachbarorte viel durch häufige
Durchzüge und Einquartierungen französischer
Truppen zu leiden, dazu hauste in der Gegend das
berüchtigte Fischersche Freikorps.
|
| Der Dünnwalder Held
Johann Heinrich. |
| Als Dünnwalds Held begegnet uns im 17.
Jahrhundert Johann Heinrich von Dünnwald, Herr
auf Bizendorf, Sabor, Droschkau u. s. f.,
österreichischer General der Kavallerie, ein
tapferer Reiterdegen, wahrscheinlich 1620 im
Kurkölnischen geboren. Über sein Herkommen und
seine Jugend ist weiter nichts bekannt. 1643
finden wir ihn beim Reichsheere gegen die
Türken; in der Schlacht bei St. Gotthardt zeigte
er große Tapferkeit. Als Montecucoli 1672 den
Franzosen gegenüberstand, war er einer der
obersten Befehlshaber. 1675 wurde er zum General
der Reiterei ernannt und in den Grafenstand
erhoben. Er zeigte sich tapfer in den
verschiedenen Schlachten, so z. B. bei der
Belagerung Wiens, im Treffen bei Parkang trieb er
tausende in die Moräste; 1686 schlug er mit
General Heisler 100 000 Türken. 1688 befehligte
Herr von Dünnwald als Feldmarschall die gesamte
Reiterei bei der Armee des Herzogs Karl von
Lothringen und deckte die Belagerung von Belgrad.
1689 wurde er auf den Kriegschauplatz an den
Rhein entsendet, er entsetze das von den
Franzosen belagerte Heidelberg und vereitelte den
vom Feinde zur Rettung von Mainz beabsichtigten
Angriff. 1690 finden wir von Dünnwald wieder in
Ungarn, wo er an dem Siege von Szankament
bedeutenden Anteil hatte. Wie mit Bournouville
und Caprava, so konnte er sich auch mit dem
Markgrafen Ludwig von Baden, der ihm im
Oberbefehle vorgezogen wurde, nicht
verständigen. In einem heftigen Wortwechsel mit
letzterem vergaß er sich soweit, daß er zur
Rechtfertigung nach Wien abgerufen wurde. Er
starb am 31. August 1691 plötzlich und zwar, als
er eben zur Abreise das Schiff bestiegen hatte,
am Schlage. Man behauptete auch, daß er, um sich
dem wartenden Kriegsgerichte zu entziehen, Gift
genommen habe. |
| Aus der Franzosenzeit. |
| Schreckliche Tage haben unsere Vorfahren
erlebt, als vor 100 Jahren (1795-1801) die
Franzosen hier eindrangen. Auch Dünnwald hatte
vieles zu erdulden, so daß die Bauer daselbst
den kühnen Entschluß der Abwehr faßten. |
| a) Die Bubbelliese. |
| Der lange Schmied Gürgen, der mit Vorspann
nach der Lahn hin gewesen war, wußte von
dortiger Bauernwehr Wunderdinge zu erzählen und
begeisterte die guten Dünnwalder damit zur
heldenhaften Erhebung. Bei dem Bachscheffen kamen
sie abends zusammen und beschlossen die Abwehr.
Sie verbanden sich durch heiligen Eid, als
Brüder zu streiten und keinen Plünderzug ins
Dorf mehr einzulassen. Alle Waffen wurden
hervorgesucht. Der eine trug eine alte Muskete,
mit gehacktem Blei geladen, der andere eine
Jagdflinte, ein dritter hatte einen rostigen
Reitersäbel blank geschliffen. Der
Hacks=Mattheis schulterte als Gewehr seine
Holzaxt, der Anton Blömer trug eine eiserne
Rührstange, wie sie bei Kalköfen gebraucht
wird. Der alte Göddert kam mit dem Dreschflegel,
mehrere hatten geschliffenen Gras- und
Hafersensen geradhin aufschmieden lassen, und der
Schmied Gürgen selber, der zwei kaiserliche
Pistolen scharf geladen als Waffen trug, hatte
sich sogar einen Harnich aus eisernen Topfdeckeln
geschmiedet, den er schußfest unter dem blauen
Kittel trug. Mit großer Kunst und Klugheit hatte
er mit diesen Eisenplatten nicht blos Bauch und
Brust bedeckt, sondern auch den Rücken, wohl
überlegend, daß das wechselnde Kriegsglück oft
dem tapfernden Helden den Rücken dreht. Nun
hieß es eines schönen Morgens: "Die
Franzosen kommen!" Der Kuhhirt blies das
verabredete Lärmzeichen, und die Männer von
Dünnwald eilten auf den Sammelplatz ans
Förstchen, jeder in seiner Rüstung. Als sie nun
alle versammelt waren und klopfenden Herzens
warteten auf das, was da kommen sollte, da trat
herzu Gürgens Frau, die Bubbels=Liese genannt.
Sie lobte die Männer und rief: "So ist es
recht, Ihr Leute, daß Ihr Euch so brav
zusammentut und das fremde, gottlose Raubvolk aus
dem Lande jagt, wo es nicht im Taufbuch steht.
Schlag sie nur alle tot, die heidnischen Schelme,
oder jagt sie, das sie des Wiederkehrens
vergessen! Aber, "so sprach sie zu ihrem
Manne, der auch inzwischen hinzugetreten war,
"aber was willst Du langer Gürgen dabei? Du
kannst das doch nicht aushalten, Dich schießen
die Franzosen am ersten tot, weil Du über alle
hinwegsiehst. Was sol ich arme Wittib dann mit
meinen fünf kleinen Würmchen anfangen? Geh Du
mit nach Hause, Gürgen, und laß die Nachbarn in
Gottes Namen die Franzosen fortjagen. Auf einen
mehr oder weniger kommts nimmer an; ob Du dabei
bist oder nicht, das macht nichts dazu, darum
komm du mit nach Hause." So sprach des
Gürgen Liese und weinte dazu und jammerte
darüber, daß sie in Gefahr stünde, Witwe zu
werden. Die anderen aber sprachen: "Sind wir
denn weniger wert als der Gürgen, daß wir uns
tot schießen lassen sollen, und der lange
Schmied Gürgen soll nach Hause gehen mit seiner
Bubbels=Liese?" Und einer nach dem andern
schlich sich davon, und da einmal der Anfang
gemacht worden war, so liefen auch andere hinweg,
um ihre Waffen sobald als möglich zu verbergen.
Da stand zuletzt Gürgen allein mit seiner Frau
und zankte mit ihr, weil sie durch ihre
unziemliche, eigensüchtige Rede die ganze Wehr
vereiltet hatte. Er nestelte unter seinem Kittel,
riß sich zornig die Harnischplatten hervor und
warf sie vor sich auf den Weg, daß sie klirrten,
und die beiden Pistolen riß er aus dem
Schurzfell, warf sie auf die Platten und lief den
anderen nach, da eben ein Plünderzug von acht
Franzosen über das Klosterbrückchen kam und bei
den Vereinzelten leichtes Spiel fand.
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| b) Frau Landwehr. |
| Einen höchst komischen Auftritt veranlaßte
durch ihre Tapferkeit die Frau Landwehr im
Förstchen. Sie war beschäftigt, auf dem Ofen
der Wohnstube Fett auszusieden, als zwei
durchnäßte Franzosen, die im Spätherbste dort
mit anderen einquartiert waren, ihre sämtlichen
Kleider zum Trocknen an den Ofen hängend und in
rohester Weise den Anstand verletzten. Da ergriff
die entrüstete Frau den Mehlbesen, tauchte ihn
in das siedende Fett und bediente sich dieses
Weihwedels, die nackten Kerle zu bespritzen, daß
sie heulend vor Schmerz umhertanzten. Mit der
linken Hand hob die tapfere Frau den Ofenkessel
ab und sicherte sich so, immerfort schlenkernd,
ihren Rückzug, gelangte glücklich in das nahe
Klostergebäude. Dort hielt sie sich versteckt,
bis die Franzosen am anderen Morgen abgezogen
waren, die von der Frau Landwehr eingesprengten
aber auf der ganzen Haut so bunt getipfelt wie
Forellen. |
| c) Heinrich Märten |
Als der Hof Kurtekotten von den Franzosen
niedergebrannt wurde, lebte auf dem Hofe ein
Meisterknecht Heinrich Märten, ein tapferer Held
im Kampfe gegen die räuberischen Franzosen.
Schon beim ersten Einrücken der Franzosen, am
10. September 1795, war er mit ihnen in Händel
gekommen. Märten war gerade auf dem Felde
beschäftigt, einen Wassergraben auszuwerfen. Da
hörte er den Hilfruf einer Frau. Als er
ausblickte, sah er, wie seine Frau, die ihm Essen
bringen wollte, von einem Franzosen schändlich
angegriffen wurde. Er springt hinzu, erschlägt
den Schamlosen mit seinem Spaten und vergräbt
die Leiche, damit sie ihm nicht zum Verräter
werde, tief im Feldgraben. Des Franzosen Gewehr
aber nahm er mit sich.
Sechs Wochen später, am 21. Oktober, befand sich
Märten wieder auf dem Felde, als ein
französisches Bataillon an ihm vorbeizog. Da
holte er seine Flinte aus dem Verstecke und
feuerte so rasch und mit solchem Erfolge auf die
Franzosen, daß mehrere tot niederstürzten. Dann
sprang er in den Wald und verkroch sich dort in
einen großen Fuchsbau, so daß seine Verfolger
ihn nicht finden konnten.
Als die Feinde abgezogen waren, kehrte Märten
nach dem Hofe zurück, kaum war er dort, als sich
14 Franzosen näherten. Da das schwere Hoftor
geschlossen war, zerstörten sie ein Fenster, um
durch dasselbe einzusteigen. Märten aber nahm
die zwei Einsteigenden in Empfang und erschlug
sie, worauf das übrige Dutzend entfloh. Die
Leichen begrub er am Teiche unter dem Fenster.
Am folgenden Tage, dem 22. Oktober, bekam der Hof
wieder Besuch, es war ein Offizier mit acht Mann.
Sie vermieden aber das gefährliche Fenster und
suchten das Hoftor zu erbrechen. Es gelang ihnen
aber nur, das wagerechte Bodenbrett des Tores
abzureißen. So entstand eine so große Öffnung,
daß ein Mann unter dem Tore in den Hof kriechen
konnte. Märten aber stand hier kampfbereit mit
einem Beile. Den ersten Kriecher erschlug er, als
er noch die Fersen unter dem Torbalken hatte, den
zweiten, es war der Offizier selbst, als er sich
eben aufrichten wollte. Noch vier weitere kamen
hereingekrochen und fanden dasselbe Schicksal,
die noch übrigen drei blieben aber vor dem Tore
stehen. Märten lief auf den Söller und erschoß
einen, während die zwei anderen entflohen. Sie
brachten die Unglückskunde zu den Ihrigen, und
eine Stunde später war der ganze Hof Kurtekotten
von Franzosen umzingelt und in Brand gesteckt. Da
sprang Märten aus dem brennenden Hause, watete
durch den Teich am Hofe, wo die Franzosen einen
Posten aufgestellt hatten, stieß diesen mit
seiner Mistgabel vom Pferde und entkam glücklich
in das nahe Gebüsch. Aber noch mancher Franzose
mußte es später büßen, daß sie unsern Helden
hatten verbrennen wollen. |
Quelle:
Heimatbuch des Landkreises Mülheim am Rhein
von Johann Bendel
Köln- Mülheim 1925
Neuauflage 1973 |
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